gedankensalat, geplapper, motzgurke

Rechtfertigung

„Filmstudentin? Da schaust du doch nur Filme und verblödest dabei.“
Okay, verblöden tu ich vielleicht, aber ich schau nicht nur Filme. Ich lese viel. Und zwar keine Interviews mit Woody Allen und Sophie Marceau, sondern Theorien zur Narration in den Filmen zwischen 1895 und 1908 und solche zur Kamerahaltung und zum Licht in japanischen Filmen. Unter anderem. Das klingt nicht nur trocken, es ist es sogar. Und es ist verdammt interessant.

Wir kriegen nicht allwöchentlich einen Bericht über die neusten Filme die im Kino anlaufen, Oscar- und Césarverleihungen werden nicht auf Grossbildschirmen an der Uni live übertragen. Dafür gibts einmal wöchentlich eine Filmprojektion, passend zum Thema. Zum Beispiel gabs letzte Woche eine Serie an Filmen aus der Periode zwischen 1895 und 1908 und dazu am Montagmorgen eine Vorlesung zur Schwierigkeit der Periodisierung dieser Zeit. (Ist es wirklich „du cinéma primitif“? Wann beginnt „le cinéma“ überhaupt? Erst 1914, mit den Narrationsfilmen, oder schon früher?) Am Nachmittag dementsprechende Übungen und Vorträge, wo Theorien und Filme von Méliès auf Attraktion analysiert wurden.

Abbildung zum Arroseur arrosé von den Frères Lumières (via Flickr)

Filmstudenten müssen keine Namen und Geburtsdaten wichtiger Drehbuchautoren auswendig wissen, auch nicht alle berühmten Filme gesehen haben. Aber es hilft ungemein. Zumindest das zweite. Und zwar nicht, weil das an einer Prüfung gefragt werden könnte, sondern weil der Professor im Kurs zur Enonciation (Ich krieg Übersetzungsschwierigkeiten…) Cronenberg’s Spider und Rodriguez‘ Planet Terror zitiert und man irgendwie blöd dasteht, wenn er die Szene beschreibt und man nur Bahnhof versteht.

Als Filmstudent lernt man nicht, wie man eine Kamera hält und was ein Regisseur unbedingt wissen sollte. Wir machen keine praktischen Übungen, nach dem Bachelor oder Master bleiben wir „nur“ Studienabgänger und sind keine Drehbuchautoren, Schauspieler oder Lichttechniker. Wie pauken „nur“ die langweilige Theorien von 1895 (und teilweise sogar vorher) bis heute, schauen uns ab und zu (vor allem ab dem zweiten Jahr) Filmausschnitte an und probieren die Theorien dort anzuwenden und zu erkennen, wie die Kameraposition heisst, wohin das Licht fällt und wieso das so ist.
Damit kannst du bestenfalls als Kritikerin mit deinem fantastischen Wissen angeben oder in einem Archiv Filme nach Epochen sortieren, weil du diese auch erkennen kannst. Klar haben viele vor, sich später an einer Schauspielschule anzumelden oder als Regisseuren ihr Glück zu versuchen. Aber um berühmt und reich zu werden, reicht das Filmstudium allein nicht.

Dazu muss man schon noch Germanistik studieren. Höm.

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7 Gedanken zu “Rechtfertigung

  1. Haha, sehr schön. Macht es denn Spaß? Ich meine „Wie pauken “nur” die langweilige Theorien von 1895 (und teilweise sogar vorher) bis heute…“ hört sich nicht gerade prickelnd an. Und bist du mit den Erwartungen an das Studium herangegangen? Wusstest du, dass es nicht gerade um neuere Filme gehen wird? Was werden die meisten von euch nach dem Studium machen (Journalismus?) ? Reicht es aus einfach nur Filme zu mögen, um das zu studieren? (oder muss ich schon vorher ein großes Interesse für die Werke zwischen 1895 und 1908 haben?).

    Ich bin interessiert, tut mir leid ^^

  2. @Nils: Frag nur, kein problem! :)
    Klar machte es Spass! Tatsächlich sind manche Kurse nicht sehr prickelnd, aber welches Studium ist schon zu hundert Prozent Leidenschaft pur?
    Meine Erwartungen… gute Frage. Ich wusste, dass wir nicht dauernd supertolle Filme schauen würden und wusste auch, dass ein grosser Teil Theorie, Geschichte und viel lesen beinhalten würde. Die wenigen Infoveranstaltungen die ich besucht habe, haben gut davor gewarnt. Daher.. Ausserdem ging ich als ziemlicher Anfänger ans Studium ran. Im Sinne von: Ich kannte, und kenne mich teilweise immer noch nicht sehr gut mit Filmen aus, ich habe viele „Klassiker“ nicht gesehen (siehe Must Sees-Liste ;)) und wusste, dass ich in dieser Hinsicht evt. einiges nachzuholen haben würde.

    Ich kann nicht wirklich sagen, was die meisten machen werden. Ich hab von einigen gehört, dass sie sich schon für eine andere Schule beworben haben (obwohl sie jetzt im ersten Bachelor Jahr sind!), sei es Schauspiel- oder sonstige Kunstschule. Andere haben schlichtwegs keine Ahnung, was sie nachher anfangen wollen, da sie das Studium einfach aus Interesse an der Sache begonnen haben. Ich für meinen Teil werde es wahrscheinlich im Journalismus probieren.

    Von dem her: Klar, Filme zu mögen reicht, ist sogar Voraussetzung! Die frühen Werke gehören einfach dazu, wie vieles weiteres auch. Tut mir Leid, wenn das jetzt sehr betont wurde im Text, ist halt das aktuelle Wochenthema. ;)

    @Boldor: Nicht wahr? :D

  3. @protagonistin Super, danke für die ausführliche Erklärung! Hoffe es gibt in Zukunft noch mehr posts zu deinem Studium ^^(Ich wünschte der NC für Filmwissenschaft wäre in Deutschland nicht so tödlich hoch (da kann man ja eher Medizin studieren als nen Platz für FilmWi zu bekommen))

  4. Aber Filme studieren macht ja fast schon mehr Sinn als angewandte Politikwissenschaften… Ist doch großartig wenn man mit einem promovierten Filmologen ins Kino gehen kann und er die Zeitlichen Ereignisse die zu einem Film geführt haben erklären kann nicht.!

  5. protagonistin schreibt:

    @Nils: Das ist ja Wahnsinn, weisst du den Grund dafür?

    @Basti: Ja, absolut, vor allem wenn dir der promovierte Filmologe (hab ich grad in mein Wortschatz aufgenommen) das während des Films erklären kann. Das ist super. Politik. Pff.

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